Weltmeister, Olympiasieger und nun auch Europameister

Evenepoel erreicht Ziel trotz Geistern der Vergangenheit

Von Peter Maurer aus Ljubljana

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Remco Evenepoel holte sich mit dem EM-Titel das fehlende Trikot in seiner Sammlung. | Foto: Cor Vos

05.10.2026  |  (rsn) - Minutenlang saß Remco Evenepoel am Boden und wartete auf das finale Ergebnis des Straßenrennens der Männer-Elite. Nach über vier gefahrenen Stunden und fast 200 Kilometern entschieden wenige Millimeter im Duell um den neuen Europameister zwischen dem Belgier und dem Italiener Giulio Ciccone. Dieser hatte sich als der härteste Herausforderer des 26-Jährigen erwiesen und ihn vor allem im Zielsprint stark gefordert.

“Es war wirklich knapp an der Linie“, erzählte Evenepoel dann in der Pressekonferenz nach dem Rennen in Sencur, wo er auf dem 22 Kilometer langen Rundkurs mit seinem Team das Tempo bestimmte. “Wir wollten es von Beginn an hart machen“ führte er weiter aus. Der Belgier sollte dann als Kapitän angreifen, nachdem seine Kollegen das Feld bis auf wenige Favoriten ausgedünnt hatten. Zwei Runden vor Schluss war es dann so weit und Evenepoel attackierte das erste Mal und lediglich Ciccone konnte ihm folgen.

Wenig später folgte der Schock für den Belgier, der eine Rechtskurve zu schnell anfuhr und dort stürzte. Zwar blieb dieser folgenlos, erinnerte aber ein wenig an Innsbruck 2018, dort gewann Evenepoel trotz eines frühen Sturzes noch das WM-Rennen der Junioren. Der Ausrutscher könnte ihm sogar auch in die Karten gespielt haben, denn kurz darauf wiederholte sich die Offensivaktion und das belgisch-italienische Pärchen machte sich auf den Weg, um Gold und Silber untereinander auszumachen, wobei Ciccone sich kaum an der Führungsarbeit beteiligte.

Erinnerungen an 2021 wurden wach

Gut möglich also, dass sich die Millimeter im Ziel mit der fast doppelten Vorarbeit im Wind zu Gunsten des Italieners gedreht hätten, was Evenepoel aber anders sah. “Nein, ich hatte dort schon ein paar Meter auf Giulio rausgefahren und das wäre eine andere Situation gewesen. Aber es ist immer schwer zu spekulieren, wieweit das das Rennen beeinflusst hätte“, beschrieb der 26-Jährige, der sich in den letzten eineinhalb Runden in einer weiteren bekannten Situation seines noch jungen Lebens wiederfand.

2021 war er schon gemeinsam mit einem Italiener am Weg zur Ziellinie im Straßenrennen der Europameisterschaften in Trento. Auch Sonny Colbrelli ließ damals den Belgier die Lokomotive spielen, sprintete dann unter dem frenetischen Beifall der Tifosi zum Titel, Evenepoel musste sich mit Silber begnügen. “Ich dachte mir, nicht schon wieder von einem Italiener“, gestand er auf der Pressekonferenz, dass er sich im Rennen selbst an die Situation vor exakt fünf Jahren erinnerte.

2021 wurde Remco Evenepoel noch von Sonny Colbrelli beim EM-Rennen übersprintet. | Foto: Cor Vos

Als er dann noch die letzte Kurve, rund 300 Meter vor dem Ziel nicht gut anfuhr und Ciccone seinen langen Spurt eröffnete, schien sich die Trento-Geschichte zu wiederholen. “Giulio hat echt hart angetreten nach meinem Fehler, der einzige in dem Rennen. Vielleicht habe ich zu sehr an den Sturz vorher gedacht und war zu vorsichtig. Giulio hatte die bessere Linie und einen guten Kick“, erzählte der frischgebackene Europameister, der sich erst auf den letzten Metern am Italiener vorbeischob, wie das Zielfoto bewies.

Extra-Motivation nach WM-Enttäuschung

"Als ich im Ziel saß, ärgerte ich mich über die schlechte Kurve, war enttäuscht. Aber als dann der Streckensprecher meinen Namen rief, war es einer der aufregendsten Momenten nach einem Sieg. Jetzt habe ich das letzte Trikot, welches mir noch fehlte", sagte Evenepoel. Denn nachdem er 2022 in Wollongong den Weltmeistertitel auf der Straße einfahren konnte, ein Jahr später in Glasgow erstmals Zeitfahrweltmeister wurde, 2024 das Doppelgold bei den Olympischen Spielen in Paris sowie 2019 erstmals den Europameistertitel im Zeitfahren errang, fehlte ihm in diesem Sechserpack an Goldmedaillen bei Großveranstaltung nur mehr das Straßenrennen der Kontinentalwettkämpfe.

“Vor allem auch die Enttäuschung von Montreal hat mich richtig dafür motiviert. Die Europameisterschaften waren sowieso ein besonderes Ziel von mir, auch weil der Kurs mir sehr gut passte“, sprach Evenepoel seine Motivation an diesem Tag an, wo er auch seinen radsportbegeisterten Fans in seiner Heimat etwas zurückgeben wollte: “Auch sie waren alle so enttäuscht nach dem Rennen von Montreal, deswegen ist dieser Sieg auch für alle Belgier.“

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