“Wir werden zwei Rennen in einem sehen“

Zwischen Vorfreude und Nervosität: GC-Asse vor dem Schotter

Von Felix Mattis

Foto zu dem Text "Zwischen Vorfreude und Nervosität: GC-Asse vor dem Schotter"
Remco Evenepoel, Jonas Vingegaard und Tadej Pogacar (von links) | Foto: Cor Vos

07.07.2024  |  (rsn) – Die Favoriten auf den Tour-de-France-Sieg und ihre Teams gehen mit gespaltener Stimmungslage in die 9. Etappe über die 14 Schotter-Sektoren östlich von Troyes. Während bei den Fahrern teilweise auch Vorfreude auf dieses spezielle Teilstück mitschwingt, ist es bei den Teamchefs in erster Linie Abneigung.

Rolf Aldag vom Team Red Bull – Bora – hansgrohe erklärte radsport-news.com, welch großer Aufwand extra für diese Etappe betrieben werden muss und auch Mauro Gianetti, Patrick Lefevere und Richard Plugge von den drei großen Konkurrenz-Teams hätten das Gravel-Spektakel allesamt lieber nicht im Programm für die 111. Frankreich-Rundfahrt gesehen. "Wir scheinen der einzige Sport zu sein, der in der Zeit zurückgeht", sagte beispielsweise Plugge.

Klar: Die Verantwortlichen haben große Angst, dass ihre Kapitäne durch reines Pech viel Zeit verlieren oder sich sogar verletzen und all die teure und harte Arbeit der vergangenen Monate für die Katz' war. Und die Teamchefs können, weil sie selbst nicht auf dem Rad sitzen, dagegen schließlich noch viel weniger tun, als die Fahrer selbst.

Nur die Profis sind es, die für die Risikominimierung im Rennen letztlich verantwortlich sind, in dem sie konzentriert fahren und sich gut positionieren. Da kann ein Rennstall noch so gut mit Ersatz-Material ausgerüstet sein, am besten wäre es trotzdem, wenn die Fahrer keine Fehler machen. Und die Männer, die das Rennen bestreiten, hegen teilweise gar keine allzu große Abneigung gegen den Schotter.

"Ich freue mich irgendwie auf die Gravel-Etappe", sagte Tadej Pogacar (UAE Team Emirates) nach dem Einzelzeitfahren am Freitag schon. Beim Mann im Gelben Trikot überrascht das wohl niemand, so gut wie er in Sachen Bikehandling ist und nach seinem überlegenen Strade-Bianch-Sieg im März. Doch auch Remco Evenepoel (Soudal – Quick-Step) klang ähnlich:

Evenepoel: "Um ehrlich zu sein, gefallen mir die Sektoren"

"Ich freue mich darauf, bin aber auch etwas nervös", meinte der Belgier. "Ich kenne alle Sektoren, habe mir die schwierigsten genau angeschaut und um ehrlich zu sein, gefallen sie mir. Ich kann kaum erwarten, die Schotterwege im Rennen zu fahren und weiß gleichzeitig aber auch, dass dort alles passieren kann. Alle Klassementfahrer wollen Zeitverluste vermeiden."

Das ist der Knackpunkt und der große Unterschied zu Strade Bianche. Auch wenn der Schotter etwas anders sein soll – je nachdem, wen man fragt ist er entweder grober oder feiner, spitzer oder weniger gefährlich als in der Toskana – ist die sportliche Ausgangslage wohl das Entscheidende. Während man Strade Bianche als Eintagesrennen mit voller Offensive auf Sieg fährt, geht es auf einer Kopfsteinpflaster- oder Schotter-Etappe während einer Tour de France eher um Defensive, ums Vermeiden der Niederlage.

Damals in Italien brachte Pogacar ein 80-Kilometer-Solo mit riesigem Vorsprung nach Hause, profitierte dabei aber auch von der Taktiererei hinter ihm. Und allgemein wurde es nur möglich, weil der Parcours in der Toskana deutlich mehr Höhenmeter beinhaltet. Auf der 9. Tour-Etappe nun würde sich die Konkurrenz sicher nicht anschauen, wenn Pogacar angreift, sondern voll zusammenarbeiten für die Gesamtwertung. Und: Es dürften auch noch mehr Teamkollegen da sein, weil das Profil nicht so bergig ist.

Wie die Etappe voraussichtlich ablaufen wird

"Es wird zwei Rennen im Rennen geben: eins um den Etappensieg und eins darum, keine Zeit auf die anderen GC-Fahrer zu verlieren. Wir werden so fahren, dass wir Remco so gut wie möglich beschützen", kündigte Soudal-Teamchef Lefevere an und sein Kapitän Evenepoel ergänzte: "Das Szenario hängt auch stark davon ab, wie gut die frühe Ausreißergruppe besetzt ist."

Denn wenn die den Tagessieg unter sich ausmachen kann und aus dem Feld heraus niemand mehr auf dem Schotter die Chance wittert, die Etappe zu gewinnen, könnte es hinten etwas ruhiger und weniger hektisch werden. Das wird auch allen anderen Teams klar sein und so wird der Kampf um die Besetzung dieser Gruppe auf den ersten 45 Kilometern bis zu Sektor Nr. 14 - sie werden rückwärts gezählt – sehr hart und das Rennen von Beginn an schnell sein.

Anschließend ist das Rennen nochmal zweigeteilt: Die Mitte der Etappe besteht aus einigen Hügeln in den Weinbergen der Region und die Schotterabschnitte dort sind profiliert. Dort dürfte das Rennen schwer gemacht werden, um das Feld möglichst auszudünnen und damit das Chaos und Sturzrisiko zu mindern. Im letzten Renndrittel dann wird es flacher, dafür aber folgen die letzten sechs flachen Schottersektoren in sehr kurzem Abstand aufeinander. Hier wird es dann voll um Defensive und die Vermeidung von Zeitverlusten für die Favoriten gehen.

Roglic und Vingegaard haben mehr Bodyguards

Dabei kommt es dann auch sehr auf die Teams an. Und auch wenn man Pogacar wegen seiner Strade-Bianche-Siege gemeinhin als den Besten der Top 4 für den Gravel sieht, so dürfte er genau da seinen Schwachpunkt haben: Das extrem kletterstarke UAE-Team ist für den Schotter und die Positionskämpfe nicht so gut aufgestellt, wie Visma – Lease a Bike oder Red Bull – Bora – hansgrohe.

Einzig Nils Politt und Tim Wellens sind da echte Spezialisten, während Visma-Kapitän Vingegaard gleich fünf echte Klassiker-Asse bei sich hat - Wout van Aert, Christophe Laporte, Tiesj Benoot, Jan Tratnik und Matteo Jorgenson – und auch Red-Bull-Hoffnung Roglic von Marco Haller, Danny van Poppel, Bob Jungels und Nico Denz gut beschützt sein dürfte. Evenepoel muss sich auch in erster Linie auf zwei Mann verlassen: Yves Lampaert und Gianni Moscon.

Schon an den windigen letzten Tagen, speziell am Donnerstag auf dem Weg nach Dijon, war zu sehen, dass Visma und Red Bull den deutlich besseren Job machten, als das Peloton an der Windkante für zehn Kilometer zerbrach. Pogacar war da plötzlich ganz allein im ersten Teil des Feldes. "Es kommt immer auf die Situation drauf an, aber wenn er glaubt, er muss nach vorne, dann fährt er auch allein vor", erklärte UAEs Sportlicher Leiter Andrej Hauptmann, dass Pogacar viele Probleme auch allein lösen kann. "Tim (Wellens) ist eigentlich immer an seiner Seite, wenn er gebraucht wird und das wird morgen von Anfang an sein", so Hauptmann weiter. "Die Etappe ist wichtig und wir sind darauf vorbereitet, du brauchst aber eben auch Glück."

Aber wenn die Favoriten stattdessen vom Defektpech heimgesucht werden sollten, dürfte es für Pogacar und Evenepoel am Sonntag heikel werden, während Roglic und Vingegaard vielleicht etwas entspannter bleiben können.

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