RSNplusAbgeklärt zum Etappensieg in Villeneuve

Girmay nach Tour-Hattrick: “Beste Form meines Lebens“

Von Tom Mustroph aus Villeneuve

Foto zu dem Text "Girmay nach Tour-Hattrick: “Beste Form meines Lebens“"
Biniam Girmay (Intermarché - Wanty) | Foto: Cor Vos PRÜFEN

11.07.2024  |  (rsn) - Biniam Girmay (Intermarché – Wanty) hat keine Schwierigkeiten, das Sprint-Peloton der 111. Tour de France zu beherrschen. Umso größere Mühe hat er allerdings mit seinem Mobiltelefon. Nun schon den dritten Etappensieg bei dieser Tour de France holte der Eritreer am Donnerstag. Das Gewinnen wird ihm mittlerweile zur Routine, Pressekonferenzen auch. Souverän erledigte er den ersten Teil des Jobs, als er im Zielsprint von Villeneuve erst die richtige, von Fast-Karambolagen freie Seite wählte und dann auch noch die Kraftmaschine Wout van Aert (Visma – Lease a Bike) in Schach hielt. Abgeklärt war er auch danach bei der Pressekonferenz.

Natürlich war er glücklich und er verlieh dem Ausdruck. Aber Girmay war auch in der Lage, die Erfolgsserie rational einzuordnen. “Ich denke, ich habe gerade die beste Form meines Lebens. Ich wache jeden Tag auf, blicke dann in den Spiegel, und sage mir: ‘Ja, lass das uns noch einmal machen!‘“ Und steht eine Sprintetappe an, dann funktioniert die Selbstbeschwörung auch prima.

___STEADY_PAYWALL___

Fest auf dem Boden der Tatsachen bleibt der 24-Jährige dennoch. “Ich weiß, wie schwer es ist, überhaupt einen Profisieg zu erringen. Jetzt deren drei bei der Tour – eigentlich ist das unfassbar“, sagte Girmay und wirkte doch gefasst wie ein Rohrleger, der gerade seinen tausendsten Meter Wasserrohr verlegt hat.

In Villeneuve sprintete Biniam Girmay (Intermarché – Wanty) zu seinem bereits dritten Etappensieg bei dieser Tour de France . | Foto: Cor Vos

Als RSN ihn fragte, ob er sich mit dem Schnitt aus drei Siegen bei zwei Tourstarts schon mit dem Rekord von Mark Cavendish (Astana Qazaqstan) mit 35 Siegen vertraut gemacht habe, meinte er nur: “Hey, ich habe noch nicht mal insgesamt 35 Profisiege, wie kann ich da an 35 Etappensiege bei der Tour denken!“ Das ist korrekt. Procyclingstats listet 21 Siege für Girmay auf, inklusive nationalen und kontinentalen Titeln. Aber immerhin stehen auch ein Etappensieg beim Giro d’Italia und der Durchbruchserfolg bei Gent – Wevelgem 2022 in seinen Palmarès.

Sympathisch an Girmay ist, dass er sich auf all die Meriten recht wenig einbildet. Er weiß, wieviel nötig ist für Siege, und wie wenigen das im Profi-Feld überhaupt vergönnt ist. “Ich spreche hier im Peloton mit vielen Fahrern. Sie haben mir schon beim zweiten Sieg gratuliert. Denn einige von ihnen sind nun schon zehn Jahre bei der Tour, ohne einen einzigen Sieg errungen zu haben“, berichtete er.

Girmay kann seinen Höhenflug einordnen

Girmay, seit mittlerweile sechs Jahren bei europäischen Rennen zu Hause, kennt das Geschäft sehr gut. Seinen eigenen Höhenflug kann er deshalb gut einordnen. Er weiß aber auch, dass er sich bereits über den Profi-Durchschnitt auch der hellhäutigen Fahrer erhoben hat. Er fährt zwar gewissermaßen in seiner eigenen Liga, als schwarzer Afrikaner, der einen kontinentalen Rekord nach dem anderen aufstellt. Aber er ist eben auch besser als viele andere, die in Europa aufgewachsen sind und gewissermaßen von Geburt an den Vorteil des leichteren Zugangs zu gutem Material und ausgefeiltem Trainingswissen hatten.

Gemeinsam mit Teamkollege Kobe Goossens feiert Girmay seinen Tour-Hattrick. | Foto: Cor Vos

Girmay hat sich aber durchgekämpft, hat, wie er selbst sagte, sein Seuchenjahr 2023 zu einen tiefen Analyse genutzt. “Ich habe viel im Training verändert, auch dank (Sportdirektor) Aike Visbeek. Und ich habe vor allem eine andere Radsportphilosophie“, erzählte er. Die besteht unter anderem darin, sich selbst weniger unter Druck zu setzen. Das sei das Geheimnis zwischen der eher schlechten Saison 2023 und der exzellenten jetzigen.

Inzwischen zählt Girmay vor allem bei unübersichtlichen Sprintankünften, wo vielen Zügen vorzeitig die Briketts ausgehen, dank seines guten Gespürs für Positionierung, dank seiner Explosivität und dank seiner neu erworbenen Gelassenheit zu den Favoriten.

Van Aert: “Biniam war einfach wieder schneller“

Das akzeptierte auch van Aert, der vor ein paar Jahren mit seiner schieren Kraft den klassischen Massensprintern die Butter vom Brot zu nehmen pflegte. “Biniam war einfach wieder schneller. Chapeau“, meinte der Belgier am Visma-Bus. Mit dem Grünen Trikot, das er einst gewann, hat er in diesem Jahr nichts zu tun.

Für Girmay dagegen scheint der Weg gebahnt zu diesem historischen Moment, das erste Wertungstrikot der Tour de France als schwarzer Afrikaner nicht nur zu tragen, sondern auch nach Hause zu bringen. Sein Teamkollege Kobe Goossens wollte gegenüber RSN zwar den Ball flach halten.“ Der Weg zu Grün ist niemals frei, denn die Tour ist immer gefährlich“, warnte der Belgier. Er sagte aber auch: “Es schaut es richtig gut für ihn aus.“

Tadej Pogacar (UAE Team Emirates, re.) dominiert die Bergetappen und die Gesamtwertung dieser Tour, Biniam Girmay (Intermarché – Wanty) die Sprints. | Foto: Cor Vos

Girmay vermisst im Peloton weitere dunkelhäutige Fahrer wie ihn. “Es ist schade, dass ich der einzige bin. Denn es gibt so viele Talente in Afrika“, meinte er. Mit seinem Tour-Hattrick dürfte er aber die Begeisterung in der afrikanischen Radsport-Community nur noch mehr entfacht haben, so dass weitere Talente den Weg nach Europa schaffen könnten.

Ein Problem hat Girmay, dem derzeit alles zu gelingen scheint, dann aber doch. “Ich traue mich kaum noch, mein Handy anzumachen. Es sind so viele Messages darauf, allein etwa 600 auf WhatsApp“, sagte er. Das birgt durchaus ein logistisches Problem. “Wegen der vielen Nachrichten gehen die aus unserem Teamchat bei mir völlig unter. Ich muss immer meinen Zimmerkollegen fragen, was unser Plan für den jeweiligen Tag ist“, sagte er schmunzelnd. 

Das klappt dann aber zumindest so gut, dass Girmay die Siege liefert, die er liefern soll.

Mehr Informationen zu diesem Thema

10.11.2024Cavendish gewinnt in Singapur den letzten Sprint seiner Karriere

(rsn) – Mark Cavendish (Astana Qazaqstan) hat das letzte Rennen seiner Karriere standesgemäß beendet. Der 39-jährige Brite ließ in Singapur beim von der ASO organisierten Prudential Critérium i

24.07.2024Geschke würde “gerne nochmal zur WM fahren“

(rsn) – Simon Geschke hat seine letzte Tour de France beendet. Bei zwölf Teilnahmen gelang ihm 2015 in Pra-Loup einer seiner drei Profisiege der Karriere, die zum im Oktober ihr Ende finden wird. V

24.07.2024Wirbelfraktur bei Roglic

(rsn) – Die 12. Etappe der Tour de France 2024 wird Primoz Roglic (Red Bull – Bora – hansgrohe) noch länger in Erinnerung bleiben. Nicht nur, dass sein Sturz weniger Kilometer vor dem Ziel in V

23.07.2024Nach Tour-Aus noch Fragezeichen hinter Roglics Vuelta-Start

(rsn) – Nachdem er die Tour de France in Folge von zwei Stürzen binnen 24 Stunden vorzeitig verlassen musste, befindet sich Primoz Roglic (Red Bull – Bora – hansgrohe) noch in der Erholungsphas

23.07.2024Tour-Dritter Evenepoel: “Noch etwas größer als der Vuelta-Sieg“

(rsn) – Nach seinem erfolgreichen Tour-de-France-Debüt blickt Remco Evenepoel (Soudal – Quick-Step) zuversichtlich nach vorn. “Ich denke, dieser Podestplatz bedeutet für meine Zukunftspläne,

22.07.2024Titelverteidiger bezwungen, zwei Topteams gehen leer aus

(rsn) – In Nizza endete am Sonntag die 111. Austragung der Tour de France. Das Rennen rund um Frankreich, welches heuer erstmals in Italien begann, sorgte für viel Action, Dramatik, Freude und Trä

22.07.2024Pogacar: “Superdumm, etwas zu nehmen, was Dich gefährdet“

(rsn) – Tadej Pogacar (UAE Team Emirates) hat nicht nur den Giro d’Italia, sondern auch die Tour de France fast nach Belieben dominiert. Der Slowene gewann beide Rundfahrten dank jeweils sechs Et

22.07.2024Pogacar und UAE auch im Preisgeld-Ranking der Tour Nummer 1

(rsn) – UAE Team Emirates hat bei der 111. Tour de France dank Tadej Pogacar auch beim Preisgeld groß abgesahnt. Dagegen ist das deutsche Team Red Bull – Bora – hansgrohe das Schlusslicht des

22.07.2024Pogacar kehrt auf den Thron zurück, Girmay Afrikas Radsportheld

(rsn) – Drei Wochen Tour de France sind am Sonntagabend in Nizza zu Ende gegangen. Erstmals fand das Finale des größten Radrennens der Welt nicht in der französischen Hauptstadt Paris statt, son

21.07.2024Auch ohne Etappensieg eine Tour-Bilanz mit Erfolgen

(rsn) – Acht deutsche Fahrer starteten vor drei Wochen in Florenz in die 111. Tour de France und sieben davon erreichten das Ziel in Nizza. Zwar müssen die deutschen Fans weiter auf den ersten Eta

21.07.2024Tadej, der Gnadenlose: Pogacar unterwirft sich die Tour

(rsn) - Die Geschichte kennt Iwan, den Schrecklichen, Vlad, den Pfähler und Eddy, den Kannibalen. Mit ersterem ist nicht der frühere Giro-Sieger Ivan Basso gemeint, sondern der grausame Zar, der sei

21.07.2024Vingegaard: “Unter normalen Umständen wäre ich enttäuscht“

(rsn) - Mit seinem sechsten Etappensieg vollendete Tadej Pogacar (UAE Team Emirates) nicht nur das Double aus Giro d´Italia und der Tour de France, sondern stellte auch seine Anzahl an Tageserfolgen

Weitere Radsportnachrichten

03.04.2025Die Strecke der Flandern-Rundfahrt 2025

(rsn) – Ein paar Änderungen an der Strecke gibt es immer. Da macht auch die Flandern-Rundfahrt 2025 keine Ausnahme. Doch neben dem jährlichen Wechsel zwischen den Startorten Antwerpen und Brügge,

03.04.2025Evenepoel startet bei der Tour de Romandie

(rsn) - Remco Evenepoel (Soudal – Quick) wird am Start der diesjährigen Tour de Romandie stehen, wie die Organisatoren der am 29. April mit einem Prolog in Saint-Imier beginnenden Schweizer WorldTo

03.04.2025Erholt sich Visma-Kapitänin Vos rechtzeitig zur Flandern-Rundfahrt?

(rsn) – Wenn es am kommenden Sonntag bei der 22. Flandern-Rundfahrt der Frauen (1.WWT) auf der Zielgerade in Oudenaarde zum finalen Sprint einer kleineren Gruppe kommen sollte, könnte Marianne Vos

03.04.2025Niedermaier: “Wünsche mir, beim Giro ganz oben zu stehen“

(rsn) - Nach ihrem ersten Rennblock, der mit Rang 37 bei der Trofeo Alfredo Binda (1.WWT) endete, nahm sich Antonia Niedermaier die Zeit, um mit RSN über ihren Saisoneinstieg, ihre veränderte Rolle

03.04.2025Lungenentzündung: Bettiol sagt für Flandern-Rundfahrt ab

(rsn) - Alberto Bettiol (XDS – Astana) wird am Sonntag nicht zur Flandern-Rundfahrt antreten können. Wie der Italienische Meister auf der Website seines Teams erklärte, habe er sich eine Lungenent

03.04.2025Die Aufgebote für die 22. Flandern-Rundfahrt der Frauen

(rsn) – Zum mittlerweile 22. Mal steht die Flandern-Rundfahrt der Frauen (1.WWT) im Programm. Rund um Oudenaarde müssen die Fahrerinnen aus 24 Teams insgesamt 168,9 Kilometer absolvieren, wobei zwÃ

03.04.2025Flandern-Rundfahrt der Frauen: Die letzten zehn Jahre

(rsn) – Die Flandern-Rundfahrt der Frauen ist das älteste durchgängig ausgetragene unter den Monumenten im Frauen-Kalender – und nach der Trofeo Alfredo Binda sowie dem Flèche Wallonne und dem

03.04.2025Die Aufgebote für die 109. Flandern-Rundfahrt

(rsn) – Mit der Flandern-Rundfahrt (1.UWT) steht am Sonntag der Höhepunkt der flämischen Klassikerwochen an. Die 109. Ausgabe der “Ronde“ führt über 269 Kilometer Wochenende von Brügge nach

02.04.2025Highligt-Video des 13. Dwars door Vlanderen der Frauen

(rsn) - Elisa Longo Borghini (UAE Team ADQ) ist bereit für die Titelverteidigung bei der am Sonntag anstehenden Flandern-Rundfahrt. Das bewies die Italienische Meisterin eindrucksvoll bei der 13. Aus

02.04.2025Degenkolb liefert bei Dwars Door Vlaanderen starken Formtest ab

(rsn) - John Degenkolb (Picnic – PostNL) blickt auf ein hartes Dwars door Vlaanderen zurück, bei dem er trotz guter Beine nicht in die vorderen Ränge fuhr und sich 3:26 Minuten hinter Sieger Neils

02.04.2025Küng im Defektpech: “Da war viel mehr möglich“

(rsn) – Es scheint, als ob bei den belgischen Klassikern das Glück Stefan Küng (Groupama – FDJ) nicht hold sei. Immer wieder zählt der Schweizer zu den Sieg-Kandidaten, immer wieder wird er ge

02.04.2025Grandios verzockt: Visma scheitert an eigener Taktik

(rsn) - Visma - Lease a Bike konnte zum ersten Mal in dieser Klassikersaison einem Rennen seinen Stempel aufdrücken. Mit gleich vier Mann attackierte das Team 71 Kilometer vor dem Ziel und wenig spä

RADRENNEN HEUTE

    Radrennen Männer

  • Tour of Hellas (2.1, GRE)